Ein reizender Moderator … Cherno Jobatey!

Brandenburgs beliebtester Talkmaster

 

Wandlitz - So sieht einer aus, der mit sich im Reinen ist. Vorsichtig mit der Kaffeetasse jonglierend steht er vor dem Sofa - 1,90 Meter groß, schwarzer Anzug, weiße Turnschuhe - und schäkert mit "Frau Lehmann" aus Neuseddin. "Klingt fast wie Neuseeland" flachst Cherno Jobatey im "Michels Parkhotel" Wandlitz. Frau Lehmann klatscht und lacht, und der Rest des Publikums mit ihr. Die Aufzeichnung des "Brandenburger Treffs - Talk auf dem MOZ-Sofa" wird gleich beginnen, der Moderator macht Lockerungsübungen mit seinem Publikum. Vor etwas mehr als einem Jahr unspektakulär gestartet, ist die Sendung mittlerweile ein Aushängeschild des ORB. In Brandenburg hat die Talkrunde "nach den Nachrichten die höchsten Einschaltquoten", so Jobatey stolz. Auch jenseits der märkischen Grenzen wächst die Zahl der Zuschauer. Das Erfolgsgeheimnis des "Treffs"? Da ist zum einen ein stets gut gelaunter Cherno Jobatey, der auf vielen TV-Kanälen surft: "Verstehen Sie Spaß" für die ARD, "Morgenmagazin" fürs ZDF, Talken für den ORB. Einer, der rackert für seinen Erfolg. Ordentlich, gesteht der Mann mit dem Zopf, sei er nur bedingt. Aber "dass soviel klappt in meinem Leben, das muss das Preußische in mir sein", sagt der Berliner mit dem Vater aus Gambia. "Moderatoren sind ersetzbar", antwortet er auf die Frage nach seiner Bedeutung für den "Treff" und wirkt in seiner Bescheidenheit ein bisschen kokett. Wer eine gute "Story" hat, erhält ein Ticket für die Sendung. "Hier kommen die Menschen, die Brandenburger zu Wort." Man trifft sich in Brandenburg, doch die Gäste reisen aus allen Teilen der Republik an. Heute Abend beispielsweise sitzen zwei deutsche Ikonen auf dem Sofa von ORB und Märkischer Oderzeitung: Inge Meysel und Stefan Heym, aber auch Rudi-Marek Dutschke, Sohn des legendären Studentenführers, der aus Luckenwalde stammte. Die Atmosphäre in dem zum TV-Studio umgewandelten Hotelfoyer erinnert an eine Theaterpremiere. Die Gäste auf den Bistrostühlen haben sich fein gemacht, sie kommen aus Wandlitz, Basdorf und anderen Orten der Region. Festliches Schwarz gibt den Ton an. Gleich der erste Gast ist eine harte Nuss für den 35-jährigen Jobatey. Mit ihren 90 Jahren und viel Mutterwitz nimmt es die "Mutter der Nation", Inge Meysel, mit jedem auf. Zunächst noch artig ("Ich liebe Brandenburg, ich liebe Berlin") plaudert sie bald auf ihre unverblümte und höchst unterhaltsame Art über das Leben und die Liebe im Allgemeinen. "Ich war oft unanständig in meinem Leben", kokettiert die Schauspielerin und legt eine Pause ein: "Es ist mir gut bekommen." Gelegentlich wirkt da auch der sonst so schlagfertige Moderator überrascht, hat sichtlichen Respekt. Nach der Sendung urteilt Frau Meysel über Jobatey: "Ein reizender Kerl", aber seine Fragen seien "zu lieb". Doch auf eine entspannte Stimmung legt der Gastgeber Wert: "Die Zuschauer möchten den Gast feiern." Die Atmosphäre wird ruhiger, als Rudi-Marek Dutschke auf dem Sofa sitzt. Ein ernsthafter 20-Jähriger, der den Vater nie kennengelernt hat, in den USA groß wurde und gerade ein Praktikum bei der Bundestagsfraktion der Grünen absolviert. Sensibel spricht der Moderator mit dem jungen Mann, der zu begreifen sucht, was für ein "Star" sein Vater in Deutschland gewesen ist und der gelegentlich bei seinem Onkel in Luckenwalde einen Kaffee trinkt. Mit dem Schriftsteller Stefan Heym, der nach schwerer Krankheit wieder einmal öffentlich auftritt, sitzt noch ein Schwergewicht auf dem Sofa. Ganz still wird es im Publikum. Heym spricht über seine Frau, die der eigentliche Grund sei, warum er noch einmal ins Leben zurückgekehrt sei. Beifall, als er die Politgrößen als "Kleinbürger" entlarvt, die einst in Wandlitz Erholung suchten. Beifall, als er die Behörden auffordert, nicht länger "auf dem rechten Auge blind zu sein". Schweigen dagegen, als Heym seine Verbitterung über die Art und Weise der deutschen Wiedervereinigung artikuliert. Sein Talent zum lockeren Plaudern und Witzeln kann Cherno Jobatey bei der Eisenhüttenstädterin Ellen Lehmann, der deutschen Vizemeisterin der Funkenmariechen, am besten unter Beweis stellen. Die fröhliche Karnevalistin liefert die Vorlagen für ein Gag-Feuerwerk. Ganz brandenburgisch ist auch das letzte Thema. Sein Engagement für das Milliardenprojekt einer Chipfabrik in Frankfurt (O.) hat Wirtschaftsminister Wolfgang Fürniß eine Einladung verschafft. Dieser sei eine Art Mike Tyson Brandenburgs, stellt ihn Jobatey vor und hat die Lacher auf seiner Seite. Der Minister wird nicht müde zu betonen, wie wichtig Globalisierung und Toleranz für den wirtschaftlichen Erfolg Brandenburgs sind. Und auf Nachfrage: "Fremdenfeindlichkeit vernichtet Arbeitsplätze." Hinterher freut sich Jobatey diebisch: "Diese Aussage eines CDU-Politikers hat Nachrichtenwert."

VON ANDREA HUBER / Berliner Morgenpost, Do 22.02.2001